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Lernen im Traum

Beyond Science

In der Nacht aktiv Wissen aneignen, Ängste überwinden oder sportliche Abläufe üben: Im sogenannten Klartraum ist all das möglich.

Ein Mann steht auf einem Bahngleis. Die U-Bahn rast auf ihn zu, das Licht blendet, die Bremsen quietschen ohrenbetäubend. Doch er bleibt ruhig. Kein Fluchtreflex, keine Panik. Denn er weiß: Das hier ist nur ein Traum. In „Inception“, Christopher Nolans Science-Fiction-Film über Traumwelten, prüfen Figuren mit kleinen Kreiseln – sogenannten Totems –, ob sie wach sind. Sobald sie erkennen, dass sie träumen, fliegen sie durch Gebäude, laufen Wände hoch und verändern Räume, um die Grenzen ihrer Vorstellungskraft auszutesten. Eine Fantasiewelt? Ja, aber eine, die gar nicht so abwegig ist. Beim Klarträumen – dem „luziden Träumen“ – wissen Menschen, dass sie träumen, und können ihre Traumwelt bewusst gestalten.


Der Mann, der aus der Küche flog


Daniel Erlacher, Sportwissenschaftler und Psychologe an der Universität Bern, stieß als Student eher zufällig auf das Thema. „Ich las ein Buch von Stephen LaBerge, einem Pionier der Klartraumforschung. Zunächst klang das für mich esoterisch, aber ich wollte die beschriebenen Techniken gerne ausprobieren.“ Wenige Wochen später hatte Erlacher selbst seinen ersten Klartraum: Er spielte in der Küche seiner Eltern Basketball, erkannte, dass er träumte, sprang aus dem Fenster und flog um das Haus. „Mein Verhalten im Traum steuern zu können, war so faszinierend, dass ich daraus einen Forschungsschwerpunkt und später meine Promotion entwickelt habe.“

Klarträume sind ein längst bekanntes Phänomen. Schon Aristoteles hatte es beschrieben. 1913 prägte der niederländische Arzt Frederik van Eeden schließlich den Begriff des „lucid dream“. Den wissenschaftlichen Durchbruch brachte Ende des 20. Jahrhunderts ein cleverer Trick: Forschende vereinbarten mit Probanden bestimmte Augenbewegungen – zweimal nach links, zweimal nach rechts –, sobald sie im Traum erkannten, dass sie träumten. Die Signale wurden im Schlaflabor aufgezeichnet und bewiesen: Luzides Träumen ist real.


Schlafen, träumen – und dabei den Wurf trainieren


Erlacher war fasziniert und fragte sich, ob sich solche Wachträume nutzen lassen, zum Beispiel durch mentales Training: Damit lassen sich im Wachzustand bestimmte Bewegungsabläufe verbessern. Warum sollte das nicht auch im Traum funktionieren? Er und sein Team ließen Probanden einfache Übungen im Klartraum durchführen, etwa das Werfen einer Münze oder das Tippen bestimmter Fingerfolgen in einem Rhythmus. Nach dem Aufwachen im Schlaflabor wiederholten die Forschenden die Bewegungen und stellten Verbesserungen fest. „Das sind vielversprechende Ergebnisse, auch wenn der Klartraum als gezielte Vorbereitung im Sport noch selten vorkommt“, sagt Erlacher.

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Doch der Nutzen geht über den Sport hinaus. Manche Menschen überwinden im Klartraum ihre wiederkehrenden Albträume. In der klinischen Forschung wird sogar geprüft, ob sich psychotherapeutische Methoden wie das „Imagery Rehearsal Training“ (IRT) mit Klarträumen verbinden lassen: Beim IRT stellen sich Betroffene ihren Albtraum tagsüber vor und schreiben ihn mental um – etwa indem sie ein Monster in eine süße Katze verwandeln oder eine dicke Matte an die Stelle legen, an der sie oft fallen. Studien, unter anderem aus Frankreich und Österreich, zeigen positive Effekte: Nach einem sechswöchigen Klartraum-Training an der Universität Wien waren bei Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung bestimmte Angst- und Depressionsparameter messbar niedriger.

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Ein Hindernis für das noch junge Forschungsfeld ist jedoch, dass nur wenige Menschen die Klar- traumtechnik beherrschen. „Zwar erlebt etwa ein Drittel der Befragten gelegentlich einen Klartraum, doch nur rund fünf Prozent berichten von regelmäßigen Erfahrungen“, sagt Erlacher. „Für uns bedeutet das, dass die Suche nach geeigneten Versuchsteilnehmenden ausgesprochen schwierig ist.“ Umso wichtiger ist es, die Methoden zum Erlernen des Klarträumens zu kennen.


Was macht der Körper im Klartraum?


Hilfreich sind Techniken wie das Führen eines Traumtagebuchs oder sogenannte Reality Checks: Wer sich tagsüber immer wieder fragt, ob er träumt, nimmt diese Routine irgendwann mit in die Traumwelt – und erkennt dort die Illusion. Auch Aufwachen mitten in der Nacht und erneutes Einschlafen mit klarer Absicht können helfen.

Ein besonders spannender Aspekt für Erlacher ist, wie wir unseren Körper im Traum erleben. Fühlt er sich genauso an wie im Wachzustand, oder ist er vielleicht völlig anders? „Diese Fragen führen tief in die Grundlagenforschung zu Bewusstsein und Körperbild, und ich bin nicht sicher, ob wir sie in naher Zukunft erforschen werden“, so Erlacher. „Denn der Klartraum bleibt rätselhaft, und ihn mit sehr viel mehr Menschen zu untersuchen, könnte ihm ein wenig von seiner Magie nehmen.“


Zur Person:
Daniel Erlacher ist assoziierter Professor für Bewegungs- und Trainingswissenschaft an der Universität Bern. Erlacher hat sich auf die Forschung im Bereich der Klarträume spezialisiert. Er untersucht, wie diese Träume zur Verbesserung von sportlichen Fähigkeiten und mentaler Stärke beitragen können.

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